Schloss Berneck, Kauns, Tirol

Die Sage vom Wiesejaggl

Passend zum Gedenkjahr von Kaiser Maximilians 500sten Todestag handelt auch unser erster Beitrag vom Kaiser Max und seiner Liebe zur Jagd in Tirol.

1499 tauschte Maximilian von Habsburg das Schloss Tratzberg gegen die eher unbedeutende Burg Berneck im Oberinntal. Ein Grund dafür dürfte das reiche Vorkommen von Steinwild gewesen sein, denn Maximilian liebte die Steinbockjagd im Kaunertal.

Wären da nur nicht die sturen Oberinntaler Bauern, die mit den Waffen, mit denen sie ihr Land vor den Feinden schützen sollten, nicht auch sein geliebtes Wild erlegten, allen voran der Wiesejaggl, der hoch oben am Kaunerberg wohnte.

Der Jaggl vom Wiesenhof ließ sich das Jagen nicht verbieten. Zum einen hatten seine Leute Hunger, zum anderen war er ein stolzer Bauer, der sich seine alten Rechte nicht einfach vom Adel nehmen ließ. Und so hörte man so manchen Schuss durchs Kaunertal hallen. Das ärgerte natürlich den Kaiser und er ließ ihn für vogelfrei erklären.

Kaiser Max wollte zur Steinbockjagd ins Kaunertal kommen. Allerdings nicht, solange dieser Wilderer frei herumlief. Deshalb setzte er ein Kopfgeld auf den Jaggl aus, tot oder lebendig. Nur beim Kaplan in Kaltenbrunn hatte er Asyl und konnte sich mit seinen Freunden treffen. Rund um die Wallfahrtskirche war eine Freistätte für alle Flüchtigen und Geächteten und es durfte Niemandem ein Leid geschehen. Obwohl Viele behaupteten, der Jaggl wäre mit dem Teufel im Bund, war er ein gläubiger Mensch und kam regelmäßig zum Kaplan zur Beichte und in die Kirche zum Beten.

Als die Frau des Försters im Sterben lag, ging die Tochter Elsa ins Birg um Kräuter zu sammeln. Dabei traf sie auf den Jaggl. Dieser versprach ihr, solange die Mutter krank war, nicht mehr zu wildern, damit der Vater sich um seine Frau kümmern konnte. Seit diesem Tag empfand das Mädchen eine heimliche Liebe zu dem Wilderer.

Bald kam ein junger Forstknecht ins Tal, der den alten Bartl unterstützen sollte. Jörg reizte die Unnahbarkeit der braven Jägerstochter. Doch bis er diese erobert hatte, wollt er sich mit der leichtfertigen Selda aus Nufels vergnügen, die allen Burschen im Tal schöne Augen machte. Das missfiel dem strengen Vater und er jagte die Tochter aus dem Haus. Selda wollte Jörg dazu bringen, sie zu heiraten, um ihre Ehre wieder herzustellen. Dieser suchte aber nach Ausreden: „Bring mir das Gewehr des Wiesejaggl oder noch besser, stürze ihn in den Abgrund, dann werde ich Forstmeister und wir können heiraten.“

Selda klagte ihr Leid dem Kaplan und verriet ihm, sie wolle über den Gletscher ins Ötztal gehen, damit niemand sie findet. Sie hoffte, er würde ihr Jaggls Begleitung anbieten. Ihr teuflischer Plan ging auf und schon bald machten sich die Beiden auf den Weg über den Gepatschferner. Bei einer kritischen Stelle über die Gletscherzunge, legte Jaggl sein Gewehr nieder, um mit dem Eispickel Stufen ins Eis zu hauen. Selda nahm es sofort an sich und stürzte den Jaggl in die Tiefe. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass er aus dieser glatten Gletscherspalte nicht mehr entkommen konnte, machte sie sich auf den Weg ins Birg zum Jörg. Dieser erschrak, als Selda ihm Jaggls Feuerwaffe überreichte und dafür seine Hand zum Eheversprechen forderte. Er entriss ihr das Faustpfand und ließ sie abblitzen. Selda stürmte in die Nacht hinaus.

Jörg wartete noch einige Tage und durchstreifte das Gebiet auf Spuren nach Jaggl oder Selda. Er fand die von Selda angedeutete Stelle am Gletscher und sah, dass die Spalte von einem frischen Eisbruch zugeschüttet war. Als alles ruhig blieb, ging er gut gelaunt Richtung Kauns. Er überbrachte dem Pfleger von Berneck Jaggls Waffe und erzählte ihm eine erfundene Geschichte, wie er Jaggl überwältigt habe und dieser in eine Spalte stürzte. Als Lohn wollte er Elsas Hand. Der Pfleger gab ihm die Stelle des Forstmeisters im Tal und Bartl könnte nur bleiben, wenn Elsa den Jörg heiratet. Diese erbat sich jedoch Bedenkzeit.

Die Muttergottes von Kaltenbrunn hat schon Vielen geholfen, auch dem Jaggl. Er bemerkte seinen Eispickel und mit größter Anstrengung konnte er sich aus seiner misslichen Lage befreien. Höchste Zeit, denn schon bald würde der Eisrand einstürzen.

Er machte sich auf die Suche nach Selda. Nach Wochen fand er sie auf dem Rofenhof im hintersten Ötztal. Auch dort gab es ein Freirecht, seit der geächtete Herzog Friedrich einmal Unterschlupf fand. Nachdem er sich mit ihr ausgesprochen hatte und sie einander verziehen, versprach Jaggl, dass er einen Weg finden würde, damit Jörg Selda zur Frau nahm. Selda erzählte ihm auch von der heimlichen Liebe Elsas zu ihm. Und plötzlich erwachte in dem rauhen Kerl ein wundersames Gefühl.

Wie eine drohende Gewitterwolke stieg der Jaggl vom Ölgrubenjoch herab. Eines Abends riss er die Tür zur Birghütte auf, holte sein Gewehr von der Wand und hinterließ einen verschreckten Jörg. Dann ging er zum Kaplan und erzählte ihm, was sich zugetragen hatte. Dieser vereinbarte ein Treffen mit dem Pfleger von Berneck. Junker Rueland’s Entsetzten beim Anblick des totgeglaubten Wilderers war groß, wich jedoch bald einer freudigen Überraschung als ihm Jaggl seinen Vorschlag unterbreitete: er wolle sich beugen unter die ungerechten Jagdgesetze, die ihm die ererbten Jagdfreiheiten rauben und dem Kaplan seine Waffe übergeben. Als Gegenleistung müsse Rueland dafür sorgen, dass Jörg sein Versprechen bei Selda einlöse und sie vor den Traualtar führen, um ihre Ehre zu retten. Sonst würde auch der letzte Steinbock im hintersten Kaisertal durch die Kugeln des Wiesejaggls fallen.

Junker Rueland war froh, dass sich sein größtes Problem im Kaunertal so einfach lösen ließ. Jörg wurde glücklich mit Selda und erhielt die Stelle des Forstknechts im Kaunertal. Der alte Bartl wurde Hausverwalter auf Berneck. Und Elsa folgte dem Jaggl auf den Wiesenhof. Als Kaiser Max starb forderte das Volk stürmisch seine uralten Rechte zurück.

1523 musste Kaiser Ferdinand der freiheitsstolzen Bevölkerung des Oberen Gerichtes ihr Jagdrecht wieder zurückstellen. Damit war Jaggl, der gefangene Falke, wieder flügge geworden. Das Geschlecht der Raggl (von Recklin = Recke) war durch Jahrhunderte haushabend und gesessen auf dem Hof zur Wiese.

Wer einmal den Hof auf der Wiese besuchte und von dort aus hineinblickte in die unvergleichlich schöne Bergwelt des Kaunertales und hinausschaute ins schöne Inntal und von dort seine Blicke bis zu den stolzen Bergriesen, zur Parseierspitze, zum hohen Riffler und Blankahorn, hinschweifen ließ, der mag wohl eine Ahnung bekommen, warum das Wildschützenblut im Geschlecht der Recklin so ungestüm und wild durch die Adern floss.* 

(*Zitat aus dem Buch „Erzählungen aus dem Kaunertal in Tirol“ von Johann Lorenz, erschienen im Selbstverlag des Vereins Talmuseum Kaunertal)

Grabinschrift des Wiesejaggl:

 Hier liegt ein Jäger unverdrossen,
hat dreizehnhundert Gams geschossen.
Dazu noch viel Hasen, Reh und Füchse,
hat die Herren geärgert
mit seiner Büchse.

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